Kritik von außen

Sobald Ihr Buch in der Welt ist, erleben Sie einen Kontrollverlust. Leute, die Sie nicht ausgesucht haben, lesen Ihr Werk. Sie schreiben und reden darüber. Sie fällen Urteile. Nichts anderes bedeutet Kritik zunächst, der Begriff zeigt per se keine Tendenz an.

Kritik und Gefühle

Trotzdem ist da der Schweißausbruch, bevor Sie eine Besprechung öffnen. Während des Schreibens haben Sie viele Gefühle durchlebt, und Unsicherheit war eines davon. Diese alte Bekannte setzt sich jetzt wieder auf Ihren Brustkorb.

Sind Sie Kritik einfach ausgeliefert? Oder ist es möglich, den Umgang damit zu lernen? Ich denke, möglich ist viel mehr: Sie können Kritik aktiv und selbstbestimmt einsetzen, um sich als Autorin und Autor zu entwickeln.

Gebrauchsanweisung für Kritik

Hier kommt meine Gebrauchsanweisung für Kritik von außen in fünf Schritten. Wie immer bei Gebrauchsanweisungen gilt: Erst lesen, dann machen! Sonst kommen Sie vor lauter Ärger und Frust nicht weiter.

1. Kommunikation – und damit auch Kritik – machen Sie überhaupt erst zur Expertin und zum Experten.

Mit Ihrem Sachbuch positionieren Sie sich in einem Wissensfeld, sei es nun zum Gärtnern, zur Zahngesundheit oder zu Führungsstrategien. Und eine Grundregel des Austauschs über Wissen ist, sich der Überprüfbarkeit der eigenen Gedanken, Thesen und Argumente zu stellen.

Der Austausch mit Ihrem Lesepublikum, Journalistinnen und Journalisten sowie mittlerweile Buchinfluencerinnen und Buchinfluencern ist fester Bestandteil Ihres Expertenstatus.

Vielleicht nutzen Sie selbst diese Austauschprozesse längst aktiv: auf Twitter oder Instagram. Oder auch, wenn Sie mit einer befreundeten Kollegin oder einem Kollegen über andere Bücher in Ihrem Wissensfeld sprechen und Vor- und Nachteile eigener Lektüren reflektieren.

2. Während des Schreibens haben Sie selbst einen klaren Blick darauf entwickelt, wo die Stärken und Schwächen Ihres Buchs liegen.

In der Konzeptphase treffen Sie methodische Entscheidungen. Sie schreiben etwa eine Biografie über Ihre Tante, ein Kriegskind, und eben keine große Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Aspekte, die das Leben Ihrer Oma nicht so berührt haben, fallen weg.

Zu erkennen, was Sie leisten konnten und was nicht, gehört dazu! Das bedeutet nicht, sich selbst kleinzureden. Sich für eine bestimme Perspektive zu entscheiden und das auch transparent zu machen, ist legitim und notwendig – ein klarer Fokus ist sogar ein wichtiger Marker für Ihr Expertentum.

3. Sind Sie und Ihr Buch wirklich Gegenstand der Kritik?

Oder nimmt der Autor oder die Autorin Ihr Werk nur peripher zum Anlass, um eine andere Geschichte, etwa über sich selbst und das eigene Wissen, zu erzählen? Dann verbuchen Sie das unter allgemeinem Diskussionsbeitrag.

4. Handelt es sich bei der Kritik um einen differenziert geschriebenen und konstruktiven Text?

Ein weitgehend argumentfreier, sich in Allgemeinplätzen oder gar emotional verletzenden Angriffen ergehender Schrieb ist keine ernstzunehmende Kritik.

Wie immer in kommunikativen Situationen: Nicht nur Ihr Buch steht auf dem Prüfstand, auch die Kritik muss bestimmte Formen wahren. Eine Profi-Rezension etwa folgt Regeln: Sie gibt einen inhaltlichen Überblick, ordnet das Buch ins Fachgebiet ein und gibt eine abschließende Beurteilung. Die wichtigsten Argumente werden diskutiert.

Das alles können und müssen Rezensionen etwa von Privatpersonen auf Buchportalen etc. nicht leisten. Die Leserinnen und Leser haben in der Regel keinen Markt- oder thematischem Überblick. Einige Standards dürfen Sie aber auch hier erwarten.

Stellen Sie also fest: Die Kritik lässt sich gar nicht auf Ihren Ansatz und Ihre Ziele ein, nennt keine oder kaum Beispiele für Behauptungen, fällt wertende Urteile ohne Begründung, dann können Sie damit letztlich wenig anfangen.

Dann gibt es noch Stimmen, die mögen Ihre Sprache oder Herangehensweise einfach nicht oder wünschen sich irgendwie ein anderes Buch zum Thema. Diesen Stimmen können Sie nicht helfen, außer sie für ihre weitere Suche loszulassen.

5. Nutzen Sie Kritik als Inspiration.

Es wird Kritikerinnen und Kritiker geben, die kluge Sachen über Ihr Buch sagen – auch darüber, was sie oder er vielleicht für nicht so gelungen hält. Nachdem sich der erste Verteidigungsreflex gelegt hat, überlegen Sie: Können Sie das über Punkt 2 der Gebrauchsanweisung erklären?

Nein? Vielleicht macht sich dann im hintersten Winkel Ihres Hirns eine Stimme bemerkbar, die flüstert, die genannten Punkte sind tatsächlich nicht ideal gelöst ...

Das ist der Bestfall, denn aus dieser Art von Kritik lernen Sie richtig viel. Nur weil das Buch jetzt zwischen zwei Deckeln ist, hören Sie ja nicht auf, darüber nachzudenken. Sammeln Sie mit konstruktiver Kritik Stoff für die zweite Auflage!

Mit dieser Gebrauchsanweisung zur Kritik von außen können Sie ungute Gefühle und Unsicherheit besser begegnen. Wenn da nicht noch der innere Kritiker wäre und die innere Kritikerin ... denen rücke ich nächste Woche an dieser Stelle zu Leibe.



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