Schreibtipps aus dem Leben (2): Unbequeme Anfänge

In meinen ersten Semesterferien ging ich für ein paar Wochen nach Berlin, um eine Hospitanz bei einer überregionalen Tageszeitung zu machen. Einer meiner ersten Aufträge war, über die Biotech-Branche zu schreiben. Dazu gehörte ein Ortstermin: ein Interview mit der Geschäftsführerin eines neu gegründeten Biotech-Unternehmens.

Zurück am Schreibtisch saß ich vor einem alten Problem: Prägnante Texteinstiege sind schwer. Noch ganz unter dem Eindruck meiner Felderfahrung beschrieb ich also erst einmal stimmungsvoll den Weg zu meiner Interviewpartnerin und bildreich auch das Wetter. Damit wollte ich mein Lesepublikum „abholen“.

Wind und Wetter

Der kühle Märzwind passte auch irgendwie schön zur Biotechnologie, die sich um die Jahrtausendwende überhaupt erst als Sektor etablierte – begleitet von einer öffentlichen Diskussion zwischen Frankenstein-Szenarien und Zukunftsversprechen für eine bessere, weil gentechnisch veränderte Welt.

Meinen Betreuer, der meine Texte redigierte, holte ich mit meinem Versuch jedenfalls nicht ab. Zitierfähig habe ich seinen Kommentar nicht mehr im Kopf. Es ist nicht auszuschließen, dass ich seine Kritik nachträglich mit meinen eigenen Gedanken vermischt habe. Dass er bei meinem Artikelentwurf die Augen verdrehte, weiß ich aber noch ganz sicher.

Schreib, was du sagen willst

Er sagte so etwas wie: „Langweile niemanden damit, indem du deinen Weg zu einem Termin beschreibst. Es ist dein Job, zu deinem Termin zu gehen, sonst findest du nichts raus. Steig gleich in dein Thema ein und schreib, was du sagen willst. Und noch was: keinen Subtext über das Wetter vermitteln! Wetter ist Zufall.“

Interessant ist, wie oft ich bis heute tatsächlich in journalistischen Artikeln diese Art von Anfang lese, besonders bei Firmenporträts oder Interviews.

It was a dark and stormy night …

Ich denke oft an den zugegebenermaßen sehr puristischen Hinweis, nicht mit der journalistischen Version von „It was a dark and stormy night …“ vagen Subtext zu erzeugen. Er erinnert mich daran, dass es durchaus auch problematisch sein kann, Stimmungen und Atmosphäre zu beschreiben; zumal, wenn die Aufgabe darin besteht, konkret die hinter dieser Stimmung stehenden Diskurse zu thematisieren und nicht unreflektiert zu spiegeln.

Das bedeutet nicht, dass Sachbücher und journalistische Texte nicht atmosphärisch dicht sein dürfen – ganz im Gegenteil. Auch betonte Sachlichkeit selbst ist letztlich Atmosphäre und wird intentional hergestellt. Aber Autorinnen und Autoren sollten sich bewusst sein, ob die jeweils eingesetzten Stilmittel eher verschleiern oder Erkenntnisse fördern.



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