Struktur und Chaos

Meinen ersten Schreibworkshop buchte ich im Sommer 2012. In den Wochen und Monaten davor hatte ich versucht, meinen Schreibprozess für die Doktorarbeit zu zähmen. Ich arbeitete daran, weniger draufloszuschreiben und besser zu planen. Mit mäßigem Erfolg.

Wie viel Chaos ist beim Schreiben und Denken überhaupt erlaubt? Muss nicht besser gleich alles in eine Struktur fließen? Oder war das nur die Utopie meines gequälten Geistes? Mit solchen und ähnlichen Fragen und Zweifeln ging ich in die erste Runde Schreibbildung.

Der Workshop war der Anfang vieler Erkenntnisse. Eine davon war, dass alles, was ich tat, normal war. Der Schreibpädagoge Gerd Bräuer hat für Leute wie mich sogar einen Namen: Strukturschafferin. Ich hatte keine Krankheit. Ich war lediglich ein spezifischer Schreibtyp.

Strukturschaffer und Strukturfolger

Strukturschaffer schreiben einfach mal und entwickeln dabei ihren roten Faden. Sie produzieren in verschiedenen Ausprägungen Unordnung. Dann räumen sie in mehreren Schritten der Textarbeit auf und überführen das Chaos in eine Ordnung.

Ihnen haben sich gerade die Zehennägel nach oben gerollt? Dann gehören Sie vermutlich eher zu den Strukturfolgern. Dieser Typ plant seine Gliederung sehr gut, recherchiert vorab so vollständig wie möglich und orientiert sich beim Schreiben eng an dieser Ordnung.

Vor- und Nachteile der Schreibtypen

Beide Typen haben Vor- und Nachteile: Strukturfolger brauchen Zeit, bis sie ins Schreiben kommen, arbeiten dann aber zügig und argumentationsorientiert. Dass sie neue Ideen integrieren, die ihnen während des Schreibens kommen, ist selten.

Strukturschaffer hingegen fangen früh mit dem Schreiben an. Sie brauchen viele Überarbeitungsschritte, die sie Zeit kosten. Sie werden kreativ, müssen diese Ideen später aber stimmig in den Text integrieren, Passagen kürzen oder umstellen, Ideen ordnen.

Mischformen

Strukturfolger und Strukturschaffer sind theoretische Modelle, die der ersten Orientierung dienen. Dass die meisten von uns Mischformen sind, zeigte unsere Diskussion im Schreibworkshop. Niemand wollte Strukturschaffer oder Strukturfolger in Reinform sein.

Eine Strukturfolgerin etwa wandte ein, dass sie zwar bis in die Ebene der Unterkapitel hinein sehr gut plane, besonders den Großteil der Literatur auch schon vollständig gelesen habe, aber sehr wohl beim Schreiben noch neue Gedanken habe und diese auch einbaue.

Und ich stellte für mich fest, dass ich zwar viele Ideen während des Schreibens entwickele und meinen Texten beim Überarbeiten Stringenz verleihe, aber durchaus auch über eine grobe Vorstruktur für das große Ganze verfüge – die ich mir am Anfang erschreibe.

Struktur schaffen im Lektorat

Über die Jahre und in vielen anderen Weiterbildungen habe ich gelernt, dass meine Veranlagung als Strukturschafferin meiner Arbeit als Lektorin und in der Schreibbegleitung entgegenkommt: Es geht darum, Ordnung und roten Faden im Text auch dann zu erkennen, wenn sie noch nicht perfekt ausgearbeitet sind.

Literatur
Gerd Bräuer, Schreiben, in: ders. (Hg.), SCRIPTORIUM. Ways of Interacting With Writers and Readers. A Professional Development Program, Freiburg 2009, S. 57–70.



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