Vor der Rohfassung

Die ersten, sagen wir mal, zwanzig Minuten eines Buchprojekts sind fantastisch. Die Ideen sprühen, alles darf wild durcheinandergehen. Wir kritzeln Schlag- und Stichworte auf Papier oder tippen sie in den Computer. Wir sind begeistert und aufgeregt. Alles scheint möglich!

Auf dieser kreativen Welle kommen wir auch noch in der ersten Recherchephase für Sachbuch oder Ratgeber an. Ein paar interessante Lektüren haben wir schon im Kopf. Doch genau hier schleichen sich dann schon gern erste Gefühle von Überforderung ein, die Gedanken zerfasern.

Rückkehr in die Ordnung?

Wenn die erste Euphorie abgekühlt ist, erwarten Autorinnen und Autoren oft von sich selbst eine Rückkehr in die Ordnung: Die Ideen sollen strukturiert, recherchiert und in eine Gliederung verwandelt werden. Gelingt das nicht auf Anhieb, geben viele frustiert auf.

Außerdem wartet ja schon die erste intensive Schreibaufgabe: die Rohfassung. Die hat zwar noch inhaltliche Baustellen, ist auch noch keineswegs feinste Prosa, aber schon zusammenhängender Text, enthält die Argumente und bindet Literatur gut ein.

Ende der Magie?

Was an dieser Stelle blockiert: Mit der Rohfassung verlassen wir unseren geschützten Raum, denn er ist schon mit Blick auf ein Publikum geschrieben. Die magische Zeit, in der das Buchprojekt nur für uns da ist, geht zu Ende.

Aber müssen wir unsere sichere Kapsel zu diesem Zeitpunkt überhaupt schon aufgeben? Können wir dieses Gefühl, erst einmal alles formulieren zu können, weil es ohnehin noch niemand liest, nicht noch ein Weilchen aufrechterhalten ...?

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle das Freewriting vorgestellt, um den inneren Kritiker auszusperren. Freewriting ist aber auch eine Möglichkeit, sich den Weg zur Rohfassung und den roten Faden überhaupt erst zu erschreiben – ganz für uns.

Die Rohfassung muss nämlich nicht die erste Version des Textes sein!

Die Psychologin und Schreibtrainerin Joan Bolker empfiehlt als Zwischenschritt ein sogenanntes Zero Draft, eine Nullfassung: Sie selbst praktiziert jeden Tag rund um ihr gerade aktuelles Buchthema Freewriting, bis sie den Eindruck hat, dass sich das erschöpft hat.

All diese Texte zusammengenommen sind die Nullfassung. Damit gibt es schon einen ordentlichen Korpus an Material, aus dem Ideen und Zusammenhänge extrahiert werden können. Daraus entwickeln sich Gliederungspunkte, Outline für Kapitel und wichtige Thesen. Ein gutes Fundament für die Rohfassung.

Ideen über das Schreiben ordnen und entwickeln

Diese Methode, sich den roten Faden der Rohfassung zu erschreiben, ist besonders dann geeignet, wenn Sie zu den Strukturschafferinnen und -schaffern gehören, die ihre Ideen überhaupt erst über das Schreiben ordnen.

Für einen anderen Schreibtypus, die Planerinnen und Planer, funktioniert die Trennung von Recherche und Planung sowie Schreibprozess recht gut. Sie können an einem bestimmten Punkt in die Rohfassung starten; aber auch dieser Gruppe könnte Freewriting guttun, wenn der Einstieg schwerfällt.

Einen Tipp, wie wir uns doch irgendwann während des Schreibens dran gewöhnen können, irgendwann Leserinnen und Leser zu haben, kommt nächste Woche!

Literatur:

Joan Bolker, Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a Day. A Guide to Starting, Revising, and Finishing Your Doctoral Thesis, New York 1998.



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